Schach!

Schreihälse und Computerfreaks

Es gibt leider auch Zuschauer die schnell die Contenance verlieren. Lautstark brüllen sie während der Partien ihre „Tipps“ in die Menge.
Jo. ist so einer.

„Hättest du den Zug vorher gemacht, wäre das nicht passiert“, brüllt er so laut, dass einem die Ohren klingeln.

Rasend vor Wut rennt er auf das Brett und tanzt wie das Rumpelstilzchen um die Figuren herum. Dabei deutet er beschwörend auf die vermeintlichen Siegesfelder.
„Wärst du dahin gezogen, wäre alles vorbei gewesen. Wie kann man nur so einen Mist spielen, du hast einfach ein Tempo verloren, das habe ich gewusst, ich habe das genau gewusst!“

Das geht so lange weiter, bis einem der Spieler schließlich der Geduldsfaden reißt und der Revoluzzer vom Brett gejagt wird.

T. Ist das genaue Gegenteil. Jeder weiß, dass er ein starker Spieler ist, das hat er in einigen Turnieren bewiesen.
Trotzdem würde er hier im Schlossgarten nie eine Figur anfassen.
Vielleicht hindert ihn ja irgend eine Phobie daran. Statt dessen sitzt er still auf der Bank und beobachtet aufmerksam die Partie.
Stets hat er sein elektronisches Helferlein parat. Dort gibt er Stellungen und Züge ein. Ab und zu meldet er sich mit seiner leisen, heiseren Stimme zu Wort.
„ Also der Stockfisch-Zug war das nicht, es gab etwas Besseres.“

In diesen Augenblicken wird es oft ganz ruhig, weil die Zuschauer in ihren Gedanken selbst nach dem ominösen Stockfisch-Zug fahnden.

Langsam leert sich der Platz, nur noch ein paar wenige Spieler versuchen mit der allerletzten Konzentration ihre Gegner zu bezwingen.

Es ist Abend, die Sonne taucht langsam hinter den Horizont.
Mit den letzten Sonnenstrahlen verglüht die Landschaft in goldenem Licht.
Auch oben im dichten Laub machen sich die Eichhörnchen nun für die Nacht bereit und schlüpfen in ihre Kobel.

Schließlich geht der Mond am Himmel auf und legt mit seinem milden Schein eine silberne Decke auf diese merkwürdige Landschaft, die morgen zu neuem Leben erwachen wird. Das ist sicher!

Abdruck und Einspeisung in Medien aller Art,
auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Autors. ©Mathias Guthmann, 2021

über den Autor

Mathias Guthmann

Mathias Guthmann schreibt für kulinarische und literarische Zeitschriften und den Schachsport.
Seine Essays und Kurzgeschichten, Kritiken und Interviews haben eine hohe Reichweite und werden in verschiedensten Fachmagazinen, auch international, publiziert.

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