Das Geheimnis des Präfekten, Kapitel 13

Franz Schubert

Jacques wohnt ganz in der Nähe der Champs Élysées.
Irgendwo an der Avenue George V.

Das Appartement liegt im zweiten Stock und ist für Pariser Verhältnisse sehr groß.

Überall ist Fischgrätparkett ausgelegt, eine typische Altbauwohnung mit Stuckdecke und
Art déco- Elementen.

Aus einem Salon ertönen Klavierklänge. Schubert, Impromptu D 899, c-Moll.

Ich lasse meinen Blick durch Wohnung schweifen. Eine Wand des Flurs  wird von großzügigen Türbögen gesäumt von wo man in das Wohnzimmer gelangt, auf der anderen Seite gibt es eine Glastüre, hinter der sich das Musikzimmer verbirgt wo der Bösendorfer steht, auf dem Julie spielt.

Jacques gießt mir ein Glas Whisky ein. 
Wir setzen uns leise auf ein bequemes Sofa und hören zu.
Die Musik ist zutiefst menschlich und gleichzeitig rätselhaft.

Plötzlich steht Schubert mitten im Raum und beginnt ein Gespräch mit mir. Er sagt mit leiser Stimme, was ihm bei diesem ersten Impromtu durch den Kopf ging, dabei blickt er mich an, als wäre ich nicht von dieser Welt. Ich versuche, so gut es geht, seine Erzählung wiederzugeben:

Am Nachmittag läuft der Komponist durch den goldenen Herbstwald. Ohne Hast geht er den vom Sonnenlicht beschienen Weg entlang.
In diesen Tagen bietet die Landschaft eine berauschende Farbpalette. Es gibt noch spätsommergrüne Stellen, die von silbernen, siena-farbenen, goldenen und ockerfarbenen Flecken eingerahmt sind. Einige Äste sind voller Vegetation, andere Zweige sind bereits skelelletiert, haben eine Metamorphose vollzogen, um den Winter zu überleben.

Beim Gehen lässt der schwache Wind das trockene Laub lautlos vor seinen Schuhen auf und nieder schweben.

Auf einer Lichtung steht ein Rudel Rehe. Schubert geht oft hier spazieren, die Tiere kennen ihn. Sie bleiben bewegungslos stehen und blicken ihn mit ihren schönen Augen wie zur Begrüßung freundlich an.
Der Komponist zückt ein Notizheft und schreibt etwas auf.

Nun ziehen Wolken auf, der Wind bläst ein klein wenig stärker. Schubert beschleunigt seine Schritte, er will noch vor Dunkelheit wieder zuhause sein, unwillkürlich schlägt er den Mantelkragen etwas hoch. 

In einem Anfall von Übermut dreht er sich plötzlich um seine eigene Achse, vollführt einige sehr grazile Luftsprünge, verbeugt sich schließlich vor den Bäumen des Waldes, und applaudiert sich dabei frenetisch zu. Von der Anstrengung ist er außer Atem und ganz rot im Gesicht.

Schon lässt der Wind wieder nach, die Geräusche des Waldes klingen auf einmal wie ein sich wiederholendes, verirrtes, verstummendes Echo.
Beim letzten Sonnenstrahl entdeckt Schubert in der Ferne sein Haus, wo ein Licht brennt und ein warmes Zimmer wartet.

Die Musik hört auf. 

Ich begrüße Julie, sie ist schön wie eh und je. Ihr halblanges, blondes, glattes Haar fällt leicht den schmalen Hals entlang.

über den Autor

Mathias Guthmann

Mathias Guthmann schreibt für kulinarische und literarische Zeitschriften und den Schachsport.
Seine Essays und Kurzgeschichten, Kritiken und Interviews haben eine hohe Reichweite und werden in verschiedensten Fachmagazinen, auch international, publiziert.

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