Qui est Ubu?

Ich spiele Schach. In einem Club. Beim SC uBu!
In regelmäßigen Abständen wird mir von leicht irritierten Schachfreunden die durchaus berechtigte Frage gestellt: uBu?
Warum zum Teufel nennt sich denn euer Schachclub SC uBu?

In solchen Situationen sollte ich zu einem großen Glas Absinth greifen, es auf einen Zug leeren, um dann ganz nonchalant den Bauer im ersten Zug auf a4 zu bewegen.

Aber nein, ich rücke meine Figuren elegant zurecht, und hämmere dann mit heiserer Stimme in die spannungsgeladene Turnieratmosphäre die Worte:
„Jarry, Theaterstück, Père Ubu, Dada, Furz“.

Gleich blicke ich auf die hochgezogenen Augenbrauen meines erstaunten Gegners, der mir zunächst verschwörerisch zunickt, dann aber den Blick senkt und schließlich seinen König vom Brett nimmt, um ihn verlegen zwischen Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger hin und zu rollen.

In solchen Situationen fehlt mir einfach die Muße für eine genaue und abschließende Antwort auf die Frage nach uBu. Dazu müsste man entweder die Uhren anhalten, oder ein Remis vereinbaren.

Es ist also an der Zeit für meine Leser den Ursprung unseres Vereinsnamens literarisch zu beleuchten, ungeklärte Fragen zu beantworten, und meinen zahlreichen Schachfreunden die Möglichkeit zu geben, sich ein Bild unseres Clubs zu machen!

Am Anfang stand ein Gag, ein Spaß, ein Schülerulk, eine Farce: der “Roi Ubu“.

Alfred Jarry schrieb dieses Theaterstück im Alter von 15 Jahren, anfangs als Persiflage auf seinen fetten Physiklehrer gedacht.

Jarry war ein äußerst begabter Theaterdramatiker und höchst exzentrischer Bohème, der sich – im Radfahreroutfit und aufgemalter Krawatte– in den Bars und Cafés des Pariser Montmartre aufhielt.
Er war, um genauer zu sein sogar der Star, der Held dieser bunten Gesellschaft, in der es erfrischend respektlos zuging, und nicht selten der eine oder andere Anarchist eine selbst gebastelte Bombe in irgendeinem Etablissement deponierte.
Jarry griff auf seinen Fahrradtouren gerne zum Revolver, den er dann – anstatt eine Klingel zu läuten- abfeuerte.

„Ist das nicht schön wie Literatur?“
Pflegte er nach solchen Scherzen mit entwaffnendem Lächeln zu sagen.

über den Autor

Mathias Guthmann

Mathias Guthmann schreibt für kulinarische und literarische Zeitschriften und den Schachsport.
Seine Essays und Kurzgeschichten, Kritiken und Interviews haben eine hohe Reichweite und werden in verschiedensten Fachmagazinen, auch international, publiziert.

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