Let’s Go on 1.6

Endlich kamen wir zu einem kleinen Lokal an einer Kreuzung. Die Straßen waren plötzlich sehr belebt, es gab dort, zu meinem Erstaunen, viele zweirädrige Pferdekarren, die meisten waren schwer beladen. Routiniert wurden sie von ihren Besitzern durch den chaotischen Verkehr dirigiert, alles schien mir sehr anachronistisch zu sein. In Me’a Sche’arim schert man sich einen Dreck um die Bequemlichkeiten der Neuzeit.
Meine Gefühle schwankten inzwischen zwischen Lachen und Weinen.

Wir haben uns dann alle in dieses sehr einfache Lokal gesetzt und es wurde ein „Gefilte Fisch“ serviert.
In einem billigen, roten Plastiknapf, der so aussah, als hätte sich ab und zu schon ein Hund daraus bedient, schwammen zwei große Klöße, die aussahen, wie gelatinierte, graue Schneebälle. Ich hielt das Essen an meine Nase und roch auf einmal Essig, ranzigen Hering, Sardinen und Mehl, kein guter Duft!

In dem Augenblick, als ich die erste Gabel probierte, da wusste ich: das ist das schlechteste, das ich jemals gegessen hatte. Alles war übersäuert, trotzdem stach der Fischgeschmack penetrant hervor. Die Textur muss man sich vorstellen, als würde man Mehl, Wasser und alten Fisch aus der Dose zu einem Klumpen formen und in den Mund stecken, abstoßend.

Man beobachtete mich von allen Seiten mit großen Augen. Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und tat so, als wäre es ganz ausgezeichnet. Stück für Stück gabelte ich auf und schaufelte es in mich hinein, bis nichts mehr übrig war. Meine Kollegen warfen mir erstaunte Blicke zu, ich ignorierte sie.

Spätabends spazierte ich nochmal um den Block. Mir kam der Gedanke, dass dieser Gefilte Fisch nur in meiner eigenen, armseligen Vorstellung so schlecht ist.

Vielleicht freut sich ja „Eli“ in Me’a Sche’arim schon montags auf genau diese Speise, weil er weiß, dass sie am Dienstag in genau diesem Lokal ganz frisch zubereitet wird.
Vielleicht ist es für Eli die köstlichste Speise die es überhaupt gibt und wahrscheinlich befindet er sich, während er das Essen verzehrt, im Zustand der vollkommenen Glückseligkeit
.
Ich bin Optimist, irgendwo gibt es sicher einen Starkoch, der das Gericht in Vollendung servieren wird. Mit einem anderen Geschmack, einem anderen Geruch, einem anderen Aroma und einer anderen Textur.
Es ist das Imaginäre, das uns inzwischen fehlt.“

über den Autor

Mathias Guthmann

Mathias Guthmann schreibt unter anderem für kulinarische Zeitschriften und den Schachsport. Seine Essays und Kurzgeschichten, Kritiken und Interviews haben eine hohe Reichweite und werden in verschiedensten Fachmagazinen, auch international, publiziert.

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Mathias Guthmann schreibt unter anderem für kulinarische Zeitschriften und den Schachsport. Seine Essays und Kurzgeschichten, Kritiken und Interviews haben eine hohe Reichweite und werden in verschiedensten Fachmagazinen, auch international, publiziert.

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